Zurück zu dem Zulieferer aus dem Überblick. Sobald klar war, dass sich der Einstieg lohnt, kam die nächste Frage auf, in welcher Abteilung er anfangen sollte. Die Antwort lag selten dort, wo es am meisten glänzte. Sie lag dort, wo täglich viel Text von Hand aufbereitet wurde.
Der Nutzen entsteht bereichsweise und unterschiedlich schnell. Das ganze Unternehmen einer KI-Transformation zu unterziehen, ist ein Großprojekt. Ich empfehle, sich gezielt einzelne Prozesse oder Fachabteilungen anzuschauen. So kommen wir zu einer konkreten Frage wie „Was bringt KI in der Qualitätssicherung?" und grenzen ein Pilotprojekt klar ein, dessen Erfolg sich anhand von Kennzahlen (KPIs) definieren lässt.
Wir schauen uns die Bereiche in einem Fertigungsbetrieb an. Je Bereich steht dort, was möglich wird, was Sie dafür brauchen und wo die Grenze verläuft.
Mögliche Hebel für KI-Unterstützung liegen dort, wo viel Text verarbeitet wird oder wo sich wiederkehrende Muster, Prozesse und Abläufe zeigen. Genauer hinzuschauen lohnt sich bei manuellen Tätigkeiten sowie bei Medien- und Plattformbrüchen. Ein weiterer Anwendungsbereich ist es, Wissen, Erfahrung und Know-how in digitaler Form zu sichern. Mit dem demografischen Wandel gewinnt das an Bedeutung, denn durch Weggang oder Ausfall von Fachkräften gehen sonst wertvolle Informationen verloren, die gesichert und zugänglich gemacht werden sollten.
Konstruktion und technisches Büro
Was möglich wird. Ein Lastenheft in einem Durchgang gegen Ihre Standardspezifikation prüfen und die Abweichungen benennen lassen. Frühere Konstruktionsentscheidungen wiederfinden, ohne den Kollegen zu fragen, der sie getroffen hat. Normtexte auf die Frage herunterbrechen, ob eine bestimmte Ausführung zulässig ist.
Was Sie brauchen. Ein Modell mit großem Kontextfenster, also mit der Fähigkeit, viel Text auf einmal zu überblicken. Ein vollständiges Lastenheft wird sonst nicht in einem Durchgang gelesen.
Wo die Grenze liegt. Das System liefert Hinweise, keine Freigaben. Die Prüfung bleibt bei Ihnen, und das sollte auch schriftlich so geregelt sein.
Arbeitsvorbereitung
Was möglich wird. Kundenanforderungen in eine Vorlage für den Fertigungsauftrag überführen. Ähnliche frühere Aufträge finden und deren Aufwand als Anhaltspunkt nutzen. Widersprüche zwischen Zeichnung, Stückliste und Kundentext aufdecken, bevor sie in der Fertigung auffallen.
Was Sie brauchen. Zugriff auf Ihre eigene Auftragshistorie über eine Dokumentensuche. Es kommt auf die Erschließung Ihrer Daten an, nicht auf ein möglichst großes Modell.
Wo die Grenze liegt. Vorschläge zu Reihenfolge und Zeitbedarf sind Anhaltspunkte, keine Planung. Ein Sprachmodell rechnet nicht zuverlässig.
Produktion und Fertigungsleitung
Was möglich wird. Schichtübergaben aus Notizen zu einer strukturierten Übergabe verdichten. Störungsmeldungen der letzten Monate nach Mustern durchsuchen. Arbeitsanweisungen aus vorhandener Dokumentation in verständlicher Sprache erzeugen, bei Bedarf auch mehrsprachig.
Was Sie brauchen. Ein kleines, schnelles Modell reicht. Der Nutzen entsteht durch die Anbindung an vorhandene Dokumentation, nicht durch Modellgröße.
Wo die Grenze liegt. Ein Eingriff in die Steuerung ist ein völlig anderes Projekt mit eigenen Sicherheitsanforderungen und eigener rechtlicher Bewertung. Das gehört getrennt betrachtet.
Qualitätsmanagement
Für Automotive-Zulieferer ist das der Bereich mit dem klarsten Nutzen, weil die Dokumentationslast ohnehin besteht.
Was möglich wird. Prüfprotokolle über Jahre hinweg durchsuchbar machen. Reklamationstexte nach wiederkehrenden Fehlerbildern gruppieren. Auditvorbereitung, indem Sie zu einer Anforderung die passenden Nachweise aus Ihrem Bestand zusammenstellen lassen. Bei Bedarf auch Fehlerbilder auswerten, wenn Sie ein Modell einsetzen, das Text und Bild gemeinsam verarbeitet.
Was Sie brauchen. Ein System, das ausschließlich aus vorgelegten Dokumenten antwortet und die Fundstelle mitliefert. Das ist hier nicht optional, weil ein Prüfnachweis belegbar sein muss.
Wo die Grenze liegt. Speichern Sie jede erzeugte Auswertung zusammen mit Eingabe, Modellversion und Datum. Dieselbe Anfrage erzeugt nicht zwingend dieselbe Antwort, weil technische Effekte im Hintergrund für Abweichungen sorgen. Wer sich darauf verlässt, ein Ergebnis später identisch reproduzieren zu können, wird enttäuscht.
Instandhaltung
Was möglich wird. Wartungshistorie einer Maschine in Sekunden abrufen. Herstellerdokumentation nach einer konkreten Fehlermeldung durchsuchen, auch über mehrere Handbücher hinweg. Ersatzteilbezeichnungen aus unterschiedlichen Schreibweisen zusammenführen.
Was Sie brauchen. Eine Dokumentensuche über Ihre Handbücher und Wartungsberichte. Das funktioniert bereits mit kleinen Modellen und ist häufig der schnellste sichtbare Erfolg im ganzen Betrieb.
Wo die Grenze liegt. Herstellerdokumentation kann urheberrechtlich geschützt sein. Die interne Nutzung ist meist unproblematisch, die Weitergabe an Dritte nicht.
Logistik und Versand
Was möglich wird. Versandvorschriften für ein Zielland auf die konkrete Sendung herunterbrechen. Lieferpapiere auf Vollständigkeit prüfen. Kundenspezifische Verpackungsvorgaben aus Rahmenverträgen herausziehen.
Was Sie brauchen. Vor allem Aktualität. Vorschriften ändern sich, deshalb muss die Dokumentenbasis gepflegt sein. Ein Modell aus dem Gedächtnis antworten zu lassen, ist hier besonders riskant.
Wo die Grenze liegt. Zoll- und Ausfuhrfragen brauchen eine menschliche Freigabe. Ein Fehler in diesem Bereich ist teuer und fällt spät auf.
Vertrieb
Was möglich wird. Ein Angebot aus vorhandenen Bausteinen und vergleichbaren Vorgängen entwerfen. Eine technische Kundenanfrage aufbereiten, bevor sie in die Konstruktion geht. Gesprächsnotizen zu einer verwertbaren Zusammenfassung verdichten. In der eigenen Angebotshistorie nachsehen, was Sie einem ähnlichen Kunden zuletzt angeboten haben.
Warum lokal. Ihre Daten sind fast durchgehend personenbezogen. Ansprechpartner, Notizen, Kontakthistorie. Der lokale Betrieb verlagert die Datenschutzfrage von der Vertragsebene auf die technische Ebene, weil kein Auftragsverarbeiter und kein Drittlandtransfer entsteht.
Wo die Grenze liegt. Im Vertrieb wird eine erfundene Angabe zur Zusage. Preise, Lieferzeiten und technische Eigenschaften dürfen nur aus belegten Quellen kommen. Eine automatisierte Bewertung der Bonität von Kunden ist eine andere Kategorie und fällt unter die strengen Anforderungen des EU AI Act.
Service und Kundendienst
Was möglich wird. Störungsmeldungen einordnen und mit früheren Fällen abgleichen. Einsatzberichte aus Stichworten des Technikers erzeugen. Ersatzteilklärung beschleunigen, indem Sie die Maschinenhistorie durchsuchbar machen.
Was Sie brauchen. Anbindung an Ihre Servicehistorie. Ohne diese ist der Nutzen gering.
Wo die Grenze liegt. Wenn ein Kunde direkt mit dem System kommuniziert, muss das gekennzeichnet sein.
Marketing
Was möglich wird. Technische Inhalte für Fachpublikationen aufbereiten. Übersetzungen vorbereiten. Kundenfeedback auswerten. Textentwürfe erzeugen, die anschließend redigiert werden.
Was Sie brauchen. Hier ist der Cloud-Einsatz in der Regel vertretbar, solange keine internen Zahlen und keine Kundendaten einfließen.
Wo die Grenze liegt. Marketing ist der Bereich mit der einzigen bereits laufenden Kennzeichnungspflicht. Der erste Schritt ist deshalb eine Inventarisierung von Website-Chat, Bildmaterial, Untertiteln und Sprachausgaben. Was Sie nicht kennen, können Sie nicht kennzeichnen. Die Einordnung dazu steht unter Rechtliche Hinweise.
Einkauf
Was möglich wird. Lieferantenangebote gegeneinander stellen. Rahmenverträge nach einer konkreten Klausel durchsuchen. Technische Spezifikationen abgleichen. Preisverhandlungen mit der eigenen Historie vorbereiten.
Was bei Ihnen zusätzlich landet. Zwei Prüfungen, die sonst niemand übernimmt. Die Lizenz eines eingesetzten Modells, weil sie pro Variante gilt und darüber entscheidet, ob Sie ein System später an Kunden weitergeben dürfen. Und die Lieferkettensicherheit, weil auch Betriebe unterhalb der gesetzlichen Schwellenwerte zunehmend von größeren Auftraggebern zur Einhaltung von Sicherheitsstandards verpflichtet werden.
Wo die Grenze liegt. Eine automatisierte Bewertung der Kreditwürdigkeit von Geschäftspartnern fällt in die höchste Risikokategorie. Lieferantenbewertung nach technischen Kriterien nicht.
Finanzen und Controlling
Was möglich wird. Abweichungen zwischen Kalkulation und Nachkalkulation erklären lassen. Berichtstexte aus Zahlen erzeugen. Vertragsunterlagen nach Zahlungs- und Preisgleitklauseln durchsuchen. Bei volatilen Rohstoffpreisen ist der letzte Punkt in dieser Region besonders relevant.
Warum lokal. Kalkulationsdaten sind Betriebsgeheimnis. Die Cloud-Frage ist hier in den meisten Betrieben ohnehin entschieden.
Wo die Grenze liegt. Ein Sprachmodell rechnet nicht zuverlässig. Nutzen Sie es zur Erklärung und Aufbereitung, nicht zur Berechnung.
Personal
Was möglich wird. Stellenanzeigen entwerfen. Einarbeitungsunterlagen aus vorhandener Dokumentation erzeugen. Betriebsvereinbarungen und Tarifregelungen durchsuchbar machen. Schulungsunterlagen aufbereiten.
Wo es kippt. Sobald das System Bewerbungen vorsortiert, Leistung bewertet oder Aufgaben zuteilt, gelten die strengen Anforderungen für Hochrisiko-Systeme.
Praktische Empfehlung. Personal ist kein Einstiegsprojekt. Der technische Aufwand ist gering, der regulatorische hoch. Wer hier ohne Vorbereitung startet, baut ein System, das er wieder abschalten muss.
IT
Was möglich wird. Protokolldateien auswerten. Dokumentation erzeugen. Supportanfragen vorstrukturieren. Skripte entwerfen.
Was Sie tragen. Netzsegmentierung, Protokollierung, Modellversionierung und die Prüfung von Ausgaben, bevor sie in Folgesysteme wandern.
Der Punkt, der in Projekten zu spät auffällt. Ein Sprachmodell hat keine eigene Rechteverwaltung. Wer Zugriff auf das System hat, sieht alles, was die angebundene Datenquelle liefert. Die Rechte müssen deshalb in der Abrufschicht abgebildet werden, nicht im Modell.
Entwarnung zur Plattform. Sie brauchen kein Linux, um zu starten. Windows, Linux und macOS funktionieren alle. Einzelheiten unter Modelle und Technik.
Geschäftsleitung
Was Sie davon haben. Kalkulierbare Kosten statt laufender Lizenzgebühren. Unabhängigkeit von Anbieterentscheidungen. Ein Argument gegenüber Kunden, die nach Datensicherheit fragen. Und Wissen, das im Betrieb bleibt, auch wenn Mitarbeitende gehen.
Was Sie nicht delegieren können. Die Verantwortung für Cybersicherheit liegt nach dem novellierten BSI-Gesetz ausdrücklich bei der Geschäftsführung, eine reine Delegation reicht nicht. Dazu kommt die Pflicht, für ausreichende KI-Kompetenz im Betrieb zu sorgen.
Ihre eigentliche Entscheidung. Die Frage ist nicht das Modell. Es geht um den Bereich, mit dem Sie anfangen, und um die Ausbaustufe.
Was in jedem Bereich gleich gilt
Vier Punkte gelten unabhängig von der Abteilung, und sie sind später kaum nachrüstbar.
- Das System antwortet aus Ihren Dokumenten, nicht aus dem Gedächtnis, und gibt die Fundstelle mit aus. Das ist die wirksamste Maßnahme gegen erfundene Angaben.
- Die Zugriffsrechte liegen in der Datenschicht, nicht im Modell.
- Modellname, Version und Datum werden zu jeder Ausgabe dokumentiert. Ohne diese Angaben lässt sich später nicht belegen, welches System ein Ergebnis erzeugt hat.
- Die Anwender werden geschult. Das ist Pflicht, nicht Komfort.
Wer betreibt das System nach der Einführung?
Diese Frage entscheidet langfristig über den Erfolg. Sie ist wichtiger als die Modellwahl. Verantwortlichkeiten zu klären gehört in den Projektplan.
Klären Sie vor dem Start, wer die Dokumentenbasis pflegt, wer Fragen der Anwender beantwortet, wer über einen Modellwechsel entscheidet und wer prüft, ob die Ergebnisse noch stimmen. In einem Betrieb mit einer einzigen IT-Stelle ist das eine reale Kapazitätsfrage und häufig der eigentliche Grund für ein Nein.
Wenn diese Rollen nicht besetzt sind, haben Sie nach zwölf Monaten ein System, das technisch läuft und das niemand mehr nutzt. Das ist der häufigste stille Projektabbruch, und er taucht in keiner Statistik auf.
Womit anfangen?
Empfehlenswert ist der Bereich mit hohem Dokumentenaufkommen und niedriger Risikoklasse. In der Praxis ist das meist die Instandhaltung mit der Handbuchsuche, das Qualitätsmanagement mit den Prüfprotokollen oder der Vertrieb mit der Angebotserstellung. Alle drei liefern schnell messbaren Nutzen, ohne dass eine aufwendige Einstufung im Weg steht.
Nicht empfehlenswert als Erstprojekt sind Personalwesen, Bonitätsbewertung und alles, was direkt in eine Maschinensteuerung eingreift. Diese Fälle sind lösbar, aber sie sind keine Lernprojekte.
Welcher Bereich bei Ihnen am meisten hergibt, lässt sich in einem Gespräch meist in einer Stunde klären.
